Too Old To Die Young

Point Bleu – Magasin du Sport
Point Bleu – Magasin du Sport
Crozon, August 1995.
Point Bleu – Magasin du Sport. Eine Leash, ein Stück Sex Wax, Tail Pad – 180 Franc. Das Tail Pad war am wichtigsten. Astro Deck. Genau so eines hatte ich im Surfing Magazine gesehen. Ich konnte nicht erwarten, es auf mein Board zu kleben. Mein erstes Board, das nagelneu auf dem Dach unseres Wagens auf seinen ersten Einsatz wartete. Gebaut von Buddy Wolly aka Wolle, damals wie heute der Shaper meines Vertrauens, Surfpartner und bester Freund.
Noch bevor wir das erste Mal in unserem Leben mit einem Wellenreitbrett in die Brandung gepaddelt waren, hatten wir uns beim Point Bleu mit Zubehör ausgestattet – dem ersten Stück Wachs, der ersten Leash, Astro Deck Tail Pad.

Während des folgenden Monats warfen wir uns jeden Tag am Strand von La Palue in die Wellen, ganz gleich, wie die Bedingungen waren, ob Ebbe oder Flut herrschte, egal woher der Wind wehte und wie stark. Wir hatten keine Ahnung, wie gute Wellen aussahen. Wir verließen den Strand nur zum Einkaufen und schliefen einen Monat lang neben unserem Auto. Nach einiger Zeit nahm eine Hand voll Franzosen sich unserer an, nachdem wir ihnen immer wieder mit Surfwachs, Bier und Kugelschreibern ausgeholfen oder ihre schrottreifen Karren angeschoben hatten. Sie erklärten uns, wo wir im Wasser zu sitzen hatten, wo die besten Wellen brachen und schickten uns auf die Reise. Wir bildeten uns ein, sie täten das aus Respekt. Schließlich waren wir morgens bereits da, wenn sie an den Strand kamen und wenn sie abends nach Hause fuhren, blieben wir. Wir waren immer im Wasser und hatten sehr bald eine wesentlich braunere Hautfarbe als sie. Brauner zu sein als die Locals wurde fortan zu einer fixen Idee. Es wurde zum erklärten Ziel all unserer Surftrips. Es gelang nicht immer. Rückblickend vermute ich, dass die Bretonen uns etwas über das Surfen beibrachten, um die von uns ausgehende Bedrohung unter Kontrolle zu bringen. Wir waren ahnungslos und enthusiastisch, unzerstörbar und glücklich. Am Ende dieses Monats surften wir saubere Wellen, brachten niemanden außer uns selbst in Gefahr und hielten im Sonnenuntergang mit den Lokalhelden Schwätzchen.

Sollte ich jemals ein Hardcore Surfer gewesen sein, es muss wohl in diesen ersten Jahren gewesen sein. Damals paddelte ich in Guethary zum Riff, ohne auch nur einen Gedanken an die Gezeiten verschwendet zu haben. Gegen das ablaufende Wasser zurück zu paddeln dauerte eine Stunde. An Land musste ich erst mal kotzen.
In Oriñon wurde ich kreativ um ins Wasser zu gelangen, obwohl die Bademeister versuchten, uns davon abzuhalten und bereits zwei Rettungsboote in der Bucht kreuzten. Ja, ich meine den gemütlichen, kleinen Strand in Kantabrien, an dessen östlichem Ende ein kleiner Fluss ins Meer mündet. Ich schwöre: Die Idylle ist trügerischer Schein! In der Flussmündung, bei Ebbe und dem richtigen Swell, verwandelt sich der Spot in ein Bretter fressendes Ungeheuer! Kein Scheiß! (Lest mehr darüber in meinem demnächst erscheinenden Buch "Hard to swallow Surf Stories. A Decade of Legends and Lore".) Bis zum Anschlag voll mit Adrenalin schoss ich entlang an sandig braunen Wänden die sich auftürmten, über mir zusammenbrachen und mich ins knöcheltiefe Wasser planierten! Mein Gewinnerlächeln strahlte wie der Morgenstern, als ich an den lamentierenden Rettungsschwimmern vorbei das Wasser verließ.
Die Zeiten haben sich geändert.
Drei Meter hohe Close Outs üben keinen Reiz mehr auf mich aus. Bei auflandigem Wind sieht man mich nicht mehr im Wasser. Ich muss gestehen, dass ich mich angesichts von zuviel Weißwasser schnell einer negativen Grundhaltung hingebe. Lieber setze ich mich ins Auto und suche nach einem Platz mit besseren Bedingungen. Aber mal im Ernst – dieses ewige Rumgefahre, das nervt doch auch.
Baie des Trépassés
Baie des Trépassés
Hinzu kommt: Während ich früher ein überzeugter Shortboard-Mann war, erwische ich mich heute dabei, dass mich so etwas wie Bedauern befällt, wenn ich ans Wasser komme und befinde, dass die Wellen zu groß für das Longboard sind. Die Raucherei habe ich drangegeben. Ich habe festgestellt, dass es ganz schlecht für die Kondition ist. (Nachzulesen in meinem neuen Buch "Besser spät als nie. Sportmedizin für alternde Rebellen".) Dafür kann ich mich heute vorbehaltlos der kontemplativen Betrachtung von Heidekraut im Wind oder der Reflexionen des Sonnenlichts auf einer Pfütze hingeben. Völlig ohne Drogen. Tail Pads verwende ich schon lange nicht mehr. Mein Fahrstil macht sie einfach nicht erforderlich. Ich werde in meinem Leben keinen Aerial mehr springen. Ich werde immer Turns fahren – niemals Snaps.
Ihr fragt Euch: Was zum Teufel will der Typ? "Das Gejammer eines alten Mannes", werdet ihr sagen und ihr könnt das so sehen. (Ich stelle die Behauptung auf, dass 95% derer, die bis hierher gelesen haben selbst nicht mehr die Jüngsten sind. Ich unterstelle, dass die ganzen kleinen Popowackler sich heutzutage einen solchen Text gar nicht antun. Zu lange Sätze. Unspektakuläre Bilder. Ich lasse mich gerne widerlegen.) Das coole ist – es ist mir egal. Als ich dieser Tage nach über zehn Jahren in die Bretagne zurückkehrte, hatte ich an jeder Ecke ein Deja Vu erwartet. Nun, die Zeit ist nicht stehen geblieben und ebenso wenig, wie sie an mir spurlos vorüber gegangen ist, sind die Orte die ich liebte dieselben geblieben. Nichts war beim Alten und trotzdem war alles vertraut. Die Namen waren noch da und der Atlantik war noch da. Mein Freund Wolle war da. Na ja, und Ihr wart irgendwie auch alle da: Longboarder und Shortboarder, im Kofferraum Schläfer, hektische Stresser, im Wasser Jubler, zum Strand Renner, Poser, Kiffer, Modepüppchen, Entspannte, Gesprächige und Verschwiegene, Freundliche, Zu-cool-zum-grüßende, Geschichtenerzähler, Väter und Mütter und von Mutti zum Strand gebrachte.

Wahrscheinlich seid ihr längst drauf gekommen: Die Wellen waren bei diesem Trip nicht berauschend. Das heißt, die Wellen waren eigentlich ordentlich, allerdings hatte der – entgegen aller Vorhersagen (Scheiß Internet) – stetig blasende Westwind alles nachhaltig zu Schaum geschlagen. Nach wie vor halte ich es für ein schlechtes Zeichen, wenn ich an einen Spot komme und Leute sehe, die Windsurfsegel aufriggen. (Nichts gegen Windsurfer. Aus Windsurfsegeln kann man dufte Vordächer für das Auto bauen und auch sonst seid Ihr in Ordnung.) Leider bedeutet dieser Anblick nur allzu oft, dass die Bedingungen zum Wellenreiten nicht optimal sind. Ich sah viele Windsurfsegel auf dieser Tour. Zu viele.
Wombat Style Contest 08-09.09.2007
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